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Interview Mia Nebelmond




TW: Depression





Hallo Mia Nebelmond, schön, dass du hier bist! Erzähle doch mal ein bisschen was über dich als Autorin.

Hallo Julia, vielen Dank für das Interview.

Mein Autoren-Werdegang ist (noch) nicht besonders aufregend. Wie die meisten anderen Schreiberlinge auch, habe ich sehr früh angefangen, mir Geschichten auszudenken. Eine meiner ersten Erinnerungen ist eine Schelte meiner Mutter, weil ich wohl recht überzeugend von einer gewitzten Maus erzählte, die angeblich im Haus ihr Unwesen trieb. Als ich dann endlich lesen konnte, zog ich quasi in unserer Dorfbibliothek ein, aber die Auswahl war überschaubar, also musste meine eigene Fantasie natürlich weiter ran. Ich habe wirklich viel gelesen und mir noch mehr Geschichten ausgedacht. Von vielen Autoren hört man, dass sie schon früh begannen, ihre eigenen Geschichten zu schreiben. Das kann ich von mir nicht behaupten. Ich habe mir unheimlich viel ausgedacht, bin aber nie auf den Gedanken gekommen, etwas aufzuschreiben. Mit 25 habe ich schließlich einen anderen Autor kennengelernt, mit dem ich mich bis heute wahnsinnig gerne über Weltenbau, Charakterentwicklungen und Ideen austausche. Der meinte irgendwann in einer hitzigen Debatte, warum ich nicht selbst schreiben würde, und da dachte ich mir: Warum eigentlich nicht?! Damit fing es an. Ich habe viel Zeit, Nerven, Herzblut und graue Haare in meine Geschichten gesteckt und nun bin ich hier.


Dein aktuelles Buch die Stimme einer Depression erscheint am 31.08.2023. Um was geht es in deinem Buch?

Der Titel bringt es auf den Punkt. Es handelt sich um eine Anthologie mit Texten, die ich während bzw. zwischen depressiven Episoden geschrieben habe. Im Grunde sind es Schnappschüsse aus meinem Kopf, wenn auch nicht die schönsten, mit denen ich ein besseres Verständnis für diese Krankheit schaffen möchte.


Wie kamst du dazu, ausgerechnet dieses Buch zu schreiben?

Völlig unverhofft. Für gewöhnlich bin ich im fantastischen Bereich unterwegs und, obwohl meine Protagonisten mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben, hatte ich eigentlich nicht vor, dieser elenden Krankheit ein ganzes Buch zu widmen. Meine Meinung haben zwei Kollegen und eine Freundin geändert. Beide Kollegen sind sehr liebe Menschen. Einer ist selbst betroffen und hat das offen kommuniziert. Der andere hat zwar versucht, sich in den Betroffenen hineinzuversetzen, konnte aber beim besten Willen nicht verstehen, wieso man sich nicht mal eben zusammenreißen kann. Allein bei diesen Worten möchte ich schon schreien. Es wäre leicht, ihn als ignorant abzustempeln, aber er wollte es verstehen. Er konnte sich nur nicht hineinversetzen, weil ihm diese negative und absolut hoffnungslose Denkweise völlig fremd war. Ich hoffe, dass meine Texte einen Einblick vermitteln können, der es besser begreifbar macht. Und zum zweiten habe ich meine Texte zuerst einer Freundin zu lesen gegeben, die selbst betroffen ist. Ich hatte Sorge, ob überhaupt jemanden interessieren würde, was ich zu sagen habe. Sie hat lange geweint. Innerlich bin ich tausend Tode gestorben, weil ich dachte, die Texte müssten so schlecht sein. Als sie fertig war und wieder sprechen konnte, meinte sie, dass ihr die Texte sehr nah gingen und so viel ausgelöst hätten. Dass sie sich bei Dingen verstanden fühlte, die sie selbst nicht in Worte fassen konnte. Als sie dann auch noch bat, das Manuskript ihrer Familie zeigen zu dürfen, stand mein Entschluss fest.

Wie sind deine Pläne, werden wir bald mehr von dir lesen?

Das hoffe ich. Ich stecke gerade bis zur Nasenspitze in einem Roman-Projekt, das ich bis zum Ende des Jahres beenden möchte.


Gibt es etwas, was du uns zum Thema Mental-Health mitgeben möchtest?

Ganz wichtig ist es, auf sich selbst zu achten. Es klingt so einfach, wurde schon tausendfach heruntergebetet und von den Dächern geschrien, aber an der Umsetzung scheitert es erschreckend oft. Nicht auf sich selbst, seine Bedürfnisse und Grenzen zu achten, ist der beste Weg in eine Krise. Das Tückische ist, dass der Weg in den Abgrund so schleichend ist. Deshalb kommt häufig Unverständnis auf, wenn man scheinbar plötzlich zusammenbricht. In meinem Buch habe ich es so beschrieben: „Heute weiß ich, dass es nicht an diesem einen Tag gelegen hatte. Es waren die vorherigen 26 Jahre, in denen ich mich verstellt und verausgabt hatte. 26 Jahre, die mir jeden Tag ein Stückchen meines Lebenswillens geraubt hatten.“

Ansonsten kann ich nur raten: Kommuniziert!

Völlig unabhängig, ob ihr bereits erkrankt seid oder merkt, dass es euch gerade nicht gut geht. Viele haben Angst davor. Sie wollen andere Menschen nicht mit ihren Sorgen und Problemen belasten oder sorgen sich, was der Gegenüber von ihnen denken könnte. Die traurige Realität ist, dass im Schnitt jeder 5. Deutsche im Laufe seines Lebens an Depressionen leidet. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Mitmenschen bereits selbst Erfahrungen gemacht haben oder jemanden kennen, ist nicht zu unterschätzen. Und selbst wenn nicht, sind die meisten Menschen mitfühlend. Kommunikation hilft, damit wir uns gegenseitig besser einschätzen können. Sie hilft dabei, eigene Grenzen zu ziehen und vor allem einzuhalten. Sie hilft dabei, einen anderen Blick auf uns selbst zu bekommen. Wenn wir bereits angeschlagen sind, ist unsere eigene innere Stimme leider nur selten wohlwollend.

Ein letzter, aber umso wichtigerer Tipp: Wenn jemand glaubt oder befürchtet, dass er an Depressionen leiden könnte, bitte sucht euch Hilfe. Sei es beim Hausarzt, Therapeuten oder auch Selbsthilfegruppen. Therapien sind heutzutage leider immer noch ein Tabuthema. Ein absoluter Irrsinn. Bei einem gebrochenen Bein kommt schließlich auch niemand auf die Idee, die Behandlung auszulassen. Wird ja irgendwie von alleine heilen.

Wer in einem Sumpf versinkt, kann sich nicht selbst herausziehen. Nach Hilfe zu suchen, ist ein großer Schritt, für den man sich ganz bestimmt nicht schämen muss.

Ich wünsche mir wirklich für die Zukunft, dass wir mehr und vor allem offener über mentale Gesundheit und auch Krankheiten reden können. In den letzten Jahren hat sich viel in diesem Bereich getan, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.



Liebe Mia Nebelmond, ich danke dir für deine Zeit und wünsche dir nur das Allerbeste!


PS: Die Anthologie könnt ihr u.a. hier erwerben:



https://www.amazon.de/Die-leise-Stimme-einer-Depression-ebook/dp/B0CGY34R7F/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&keywords=mia+nebelmond&qid=1696828049&s=digital-text&sr=1-1

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